Freitag, November 23, 2007

Adler und Engel

Auf Empfehlung meiner Schwester habe ich jetzt Julie Zeh gelesen und bin nicht wenig beeindruckt. Einerseits erfüllt sie die Ansprüche an Figurenzeichnung und literarische Sprache, andererseits erzählt sie doch in der Schnittmenge des Thriller-Genres, das als so ganz undeutsch gilt und mich immer zu den angelsächsischen Autoren fliehen lässt. Natürlich ist die Wahl der koksenden, todessehnsüchtigen Hauptfigur Max schlau gewählt, um die Ränder menschlicher Erfahrungen auszuloten und so Wucht in die Beschreibungen zu kriegen. Damit hält Juli sich so ganz von dem Mainstream deutscher Jugenddichtung fern - ihr kreativer Ausstoß jedes Jahr ein Buch lässt mich doch mein Haupt beugen in ansatzweiser Bewunderung. Macht Lust auf mehr.

Samstag, November 17, 2007

Ulrike Maria Stuart

In Zeiten der RAF-Retro-Hype wollte ich mir mal anschauen, was die Nobelpreis-Tante Jelinek da zaubert - und ich muss sagen, Enttäuschung auf ganzer Linie. Die Vorlage ist eine krude Kopfgeburt, die sich durch den Abend kalauert. Die Figurenzeichnung bei Ulrike Maria Stuart ist praktisch nicht vorhanden. Und die Schauspieler spüren das natürlich, und so will absolut keine Spielfreude aufkommen. Bettina Stucky kann kurz die Zuschauer schocken, indem sie ihren Hinterschädel mehrfach gegen die Bühnenwand knallt, aber nach zwanzig Versprechern hab ich aufgehört zu zählen. So uninspiriert kann jüngere deutsche Geschichte sein. Da freue ich mich schon auf Andres Veiels Versuch Gerd Koenens Vesper, Ensslin, Bader als Film zu gestalten - das wird in der gewohnt hochwertigen Handarbeit dieses Künstlers passieren, da bin ich sicher...

Donnerstag, November 15, 2007

Valkyrie

Jetzt ist der Trailer onine, seht her, was wir im Sommer 2008 zu zeigen. Dieses Sendungsbewußtsein ist wohl typisch Scientology... Nein, im Ernst, was Brian Singer das in Berlin inszeniert hat und die deutsche Presse den ganzen Sommer lang dankbar als Steilvorlage genutzt, sieht auch nicht aufregender aus, als was Suso auf Zelluloid gebannt hätte - den Unterschied macht eben Tom Cruise. Und so muss ich dann doch mit Donnersmark heulen, dass es gut ist, dass die Championsleague der Filmbranche den ambivalenten Deutschen zeigt - und nicht mehr nur den bösen. Hat auch nur bis 2007 gedauert. Auch wenn Jo Baiers Film mit Sicherheit der bessere ist...

Sonntag, November 11, 2007

Ninetofive American Gangster

Ich bin schwer beeindruckt, mit welch präzisem Doku-Auge sich Steve Zaillian seinem Objekt Frank Lucas genähert hat. Ein Meisterwerk in der Kontrastierung wie Parallelisierung der beiden Hauptfiguren Ritchie Roberts und Frank Lucas. Wenn man dann noch den minimalistischen Stil von Zaillian liest, um so beeindruckender. Und das steht über allem, was an großartiger Leistung von Ridley Scott / Denzel Washington / Russell Crowe dargebracht wird! Umso großartiger, dass Zaillian vom Studio ausgewechselt wurde, aus Budget-Gründen, und am Ende doch wieder sein Originalscript verfilmt wurde. The Power of Storytelling! PS. Zaillian bemerkt dabei, dass er wie ein normaler Büroangestellter arbeitet, von 9 bis 5, 5 Tage die Woche...

Dienstag, November 06, 2007

Einkaufen gehen

Shoppen ist vor allem schlau gemacht in Hinblick auf das Marketing. Und als Regisseur hab ich natürlich Spaß an dem tollen Ensemble, das mit dieser Spielfreude aufwartet - beinahe wie die Sommermärchenjungs. Der Film wurde ja während der WM gedreht. Am Ende ist es einfach die Einzelleistung von Kollege Westhoff, mit einem Mini-Budget eine Maxi-Leistung für die Kinoleinwand abzuliefern und den zynischen Filmverleihen ein paar Marktanteile abzujagen. Jedenfalls hört man von Nichtbrachen-Filmguckern immer wieder, diesen Film muss man sehen. Ein postmodernes Abgeschmikt - jetzt auf DVD, ansehen!

Sonntag, November 04, 2007

Der Schatten und der Regen

Mal wieder in einen Skandinavier gelesen. Hakan Nesser hat schon eine beeindruckende Liste von Büchern verfasst - doch genau dieser Eindruck drängt sich auf, dass er ein Schnellschreiber ist. "Der Schatten und der Regen" fängt stark an und lässt stark nach - leider. Die Struktur ist in meinen Augen verkopft, eine überflüssige Vierteilung mit Protagonistenwechsel, der fast wie eine Skizze wirkt, die dann doch veröffentlicht wurde. Sprachlich überzeugt er mit der Reise in die Heimat, doch der Krimifall verpufft mit dem Griff in den Zylinder, wo eine belanglose Nebenfigur als Mörder präsentiert wird, die mit den weitschweifigen Spekulationen und Rückblenden im Mittelteil so gar nichts zu tun hat. Die New York Passagen fügen sich gar nicht ein, und viele Gimmicks wirken recht ausgedacht (wenn auch in sich oft mit lässigem Gestus erzählt, betont cool hingeworfen). Der unplausible soll vermutlich besonders tragisch wirken und damit erklärt werden, warum der Mord bis heute nicht aufgeklärt wurde. Und wenn einem die Genauigkeit und Tiefe in einem Strang fehlt, dann wird halt schnell noch ein Todschlag oder Selbstmord hinzugedichtet...